
Cedrick
Beim Lesen der Zeitung stößt Gish Amit auf das Foto eines in Gaza gefallenen Soldaten: eines jungen Israelis philippinischer Herkunft. Es ist Cedrick, ein ehemaliger Schüler von ihm aus einer Schule für Kinder von Arbeitsmigrant:innen in Süd-Tel Aviv.
In Gesprächen mit Cedricks Mutter und seiner Frau sowie mit Freunden aus Schule und Armee versucht Amit, das zu kurze Leben dieses 24-Jährigen nachzuzeichnen: eines jungen Mannes, der in Israel als Sohn staatenloser Eltern aufwuchs, oft übersehen wurde und im Tod zum Nationalhelden avancierte.
Aus verstreuten Fragmenten entsteht eine vollständige Geschichte – scharf, witzig und ergreifend. „Cedrick” ist die Klage eines Lehrers um seinen Schüler, aber auch ein Entwurf für eine alternative menschliche Erzählung. Ein seltenes literarisches Dokument von beeindruckender emotionaler Kraft, das die Lesenden zum Zuhören bewegt.
ביקורות
Von der Haaretz im Juni 2025 zu einem der 45 besten Bücher des Jahres gewählt.
»Ein poetisches und pointiertes Buch, das die Erfahrungen der israelischen Gesellschaft der letzten zwei Jahre aus einer neuen und äußerst wichtigen Perspektive beschreibt.«
– Dror Mishani
»Ich flehe Sie an, die Tränen laufen mir über die Wangen – lesen Sie dieses Buch. Eine Pflichtlektüre für alle Israelis und alle Menschen mit einem menschlichen Herzen.«
– Yaron Frid, Ma’ariv
Buchdetails
Kategorie:
Literarische Sachbücher
Originalausgabe:
סדריק
Verlag:
Altneuland Press 2025 (Hebräische), Altneuland Press & Kanon Verlag 2026 (Deutsch)
Übersetzer:in:
Markus Lemke
Seitenzahl:
200
Preis:
24€
ISBN:
978-3-98568-212-6
Erscheinungsdatum:
April 2026
Umschlaggestaltung:
Talia Baer
Lesen Sie einen Auszug
Prolog
Cedrick ist tot. Vor acht Jahren war er mein Schüler. Ich erfahre davon, als mein Blick an einer Meldung in der Onlineausgabe von Haaretz hängen bleibt, kurz bevor ich in eines dieser süßen Freitagsmittagsschläfchen versinke. Offenbar wegen der Schlagzeile, da ich für gewöhnlich nicht die Geschichten der in Gaza umgekommenen Soldaten lese, die beinahe jeden Tag in der Zeitung stehen. Alle sind sie ihren Eltern und der Armee ergeben gewesen, und bei ausnahmslos allen konnte das Herz ihren überbordenden Altruismus kaum fassen. Aber vielleicht auch nur wegen der Unterzeile, die davon berichtete, dem Vater des getöteten Soldaten sei erlaubt worden, zur Beisetzung zu kommen, zweiundzwanzig Jahre, nachdem man ihn aus Israel ausgewiesen hatte; oder wegen des Fotos – die Aufnahme einer Frau, im Grunde genommen fast noch ein Mädchen, dem Äußeren nach eine Filipina, die am frisch ausgehobenen Grab zusammenbricht, das Gesicht zum Himmel gerichtet in einem Ausdruck unbeschreiblicher Trauer, der an eines der Bilder ikonographischer Trauer aus der Frühzeit des Christentums denken lässt. Sechs junge Soldaten, drei auf jeder Seite, die Arme straff am Körper anliegend und die Hände zu Fäusten geballt, haben zu einem Doppelspalier vor ihr Aufstellung genommen, doch sie sieht sie nicht, zumindest nicht in dem Moment, in dem die Aufnahme entstanden ist, weil ihre Augen fest geschlossen sind. Auf einem anderen Bild im selben Artikel kniet sie vor dem Grab, die Hände auf dem Erdhügel, die Augen noch immer geschlossen, das tiefschwarze Haar zaus und die Wangen von Strähnen bedeckt. Sie ist in ein rosafarbenes Schultertuch gehüllt mit Vogelaufdrucken in Schwarz und Weiß.
Schnell scrolle ich weiter: Cedrick Garin, kein Zweifel. Ich erkenne die glatte Schokoladenhaut, die hohen Wangenknochen und die pechschwarze Tolle. Nichts an ihm hat sich verändert, bis auf den leichten Bartflaum. Er ist vor dem Hintergrund eines Wüstenszenarios aufgenommen, das nur mit Mühe zu erkennen ist, weil er auf dem Bild, dessen Ränder von der Pressestelle der Armee abgeschnitten sind, von Soldaten umringt ist, sicher Kameraden aus seiner Einheit. Man sieht ihre Gesichter nicht, aber durch die abgeschnittenen Gliedmaßen – Teile von Armen und Beinen – ist sandiger, goldener Boden zu erkennen und auch eine letzte Aureole von Sonnenstrahlen, entweder bei Sonnenauf- oder bei Sonnenuntergang. Cedrick selbst sitzt. Seine Knie in den weiten Armeehosen sind von türkisfarbenen Plastikschützern bedeckt, und auf dem Rücken trägt er ein Funkgerät. Die Antenne ragt hinter seinem Nacken auf, und das Spiralkabel baumelt nachlässig vor seiner Brust. Seine Hände stecken bis auf die freien Fingerspitzen in schwarzen Netzhandschuhen, und um die Hüfte trägt er einen Gurt, vielleicht für das Funkgerät, vielleicht für Patronenmagazine. Auf jeden Fall aber hält er keine Waffe. Er ist schön, genauso schön, wie ich in Erinnerung hatte, muskulöser und breiter sogar noch unter der Uniform. Seine schwarzen Augen blicken unverwandt in die Kamera. Er lächelt nicht, scheint aber gerade gelächelt zu haben, da seine Lippen noch einen Spalt weit offenstehen. Aber vielleicht täusche ich mich auch.
