top of page

Kinderwunsch

Ein kraftvolles, beinahe episches Porträt einer Frau, deren Liebes- und Kinderwunsch sich zwischen einsamer Realität und sehnsuchtsvoller Fantasie bewegt.

„Kinderwunsch” begleitet Idit, eine 39-jährige Lehrerin aus Tel Aviv, auf ihrem Weg von einem unabhängigen, kinderlosen Leben hin zu einer ambivalenten Mutterschaft. Zwischen gescheiterten Versuchen des Co-Parentings und komplexen Adoptionsverfahren ringt Idit mit der Frage: Gibt es ein Happy End oder bleibt es doch immer eine literarisch-romantische Fantasie?

Voller Detailreichtum, feinem Humor und großer emotionaler Dichte lotet „Kinderwunsch“ die Spannungen zwischen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und persönlichen Wünschen aus.

Ein intimer, moderner Pageturner zwischen Moderne und Romantik über den inneren und äußeren Druck, Mutter werden zu müssen sowie die subtilen wie auch offenen Einschränkungen, mit denen Frauen in modernen Gesellschaften zu kämpfen haben.

ביקורות

»Die beste lebende Autorin, die auf Hebräisch schreibt.«

- Haaretz, Januar 2022
Buchdetails

Kategorie:

Romane

Originalausgabe:

העלמה מקזאן

Verlag:

Xargol Press 2015 (Hebräische) Altneulang Press & Kanon Verlag 2025 (Deutsch)

 Übersetzer:in:

Lucia Engelbrecht

Seitenzahl:

500

Preis:

28 €

ISBN:

978-3-98568-214-0

Erscheinungsdatum:

Mai 2026

Umschlaggestaltung:

Talia Baer

Lesen Sie einen Auszug

Erster Teil

„Idit, das ist ja ‘ne Überraschung!“

Idit, eine schmale, kleine Frau mit hellblauen Augen und sandfarbenem Haar, das durch die eingemischten grauen Strähnen auf den ersten Blick heller erschien, hob den Kopf und bemühte sich zu lächeln.

„Du warst ja schon ewig nicht mehr hier!“

Sie blickte den Mann an, der sich ihr breitbeinig gegenübersetzte, und versuchte, eine schlagfertige Antwort zu formulieren: dass sie oft hier war, im Gegensatz zu ihm. Doch die Worte verknoteten sich in ihrem Mund, und außerdem war ihr letzter Besuch tatsächlich schon etwas länger her.

„Wie läuft’s?“

„Ganz gut. Und bei dir?“, erwiderte Idit, innerlich bereits gewappnet.

„Super. Sehr beschäftigt.“

„Ist mir nicht entgangen.“

Sie war sich sicher, dass nur ihrer Anwesenheit wegen kein Streit ausgebrochen war: Der Blick, den Anat Yoni zugeworfen hatte, als er – zu spät – nach Hause gekommen war, hatte man unmöglich übersehen können.

Yoni sah sie an und lächelte, wie ein Vater, der zum ersten Mal eine zynische Bemerkung aus dem Mund seines Kindes hört. Idit versuchte sich dazu zu überwinden, ein Gespräch zu beginnen, ihn zu fragen, womit er denn so beschäftigt sei, aber sie fand keine Worte. Wie beschäftigt konnte er schon sein? Sogar jetzt, an einem Freitagabend? Kommt erst zu spät und sitzt dann im Wohnzimmer wie ein Scheich, während seine Frau kocht.

Anat warf einen Blick ins Wohnzimmer und überlegte, wie sie Idit in die Küche rufen könnte. Nicht, dass sie Hilfe brauchte; doch es war keine gute Idee, Idit mit Yoni allein zu lassen. Sie wandte sich dem Herd zu und fischte eine Nudel aus dem Topf, um zu prüfen, ob sie schon gar war. Für einen Moment vernebelte der Dampf ihr die Sicht. Als sie die Ohren wieder Richtung Wohnzimmer spitzte, begriff sie, dass es zu spät war. Yoni und Idit stritten sich schon wieder.

„Aber wenn man nicht allergisch ist, was ist dann das Problem? In Weizen steckt doch viel mehr Eiweiß. Und Mineralstoffe. Er ist nicht grundlos für den Großteil der Menschheit die wichtigste Nahrungsgrundlage geworden.“

Idit sagte leise: „Erstens isst mindestens die Hälfte der Menschheit hauptsächlich Reis. Und zweitens ist zu viel Gluten auch für Leute ohne Unverträglichkeit nicht gesund. Das kann bei Kindern zu Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten führen. Und Bauchschmerzen. Es gibt Studien dazu …“

„Studien?“ Yoni schrie fast. „Was sollen das für Studien sein?“

Er bemerkte Anats Blick aus der Küche und sah schnell wieder weg. Was hatte ihm das jetzt gebracht? Sie war sowieso schon sauer auf ihn, weil er zu spät gekommen war. Aber was konnte er machen? Idit brachte ihn auf die Palme. Wie rechthaberisch sie daherredet. Geradezu predigt. Und überhaupt, welches Recht hatte Anat schon, wütend auf ihn zu sein? Als würde er es genießen, am Freitag so spät nach Hause zu kommen, um dann als Wochenendbonus auch noch diese alte Jungfer ertragen zu müssen, die ihn in seinem eigenen Wohnzimmer mit moralinsauren Blicken überzog?

„Yoni, sei so lieb, kannst du den Tisch decken?“

Idit sprang auf. Sie fühlte sich schuldig, ihre Hilfe nicht schon früher angeboten zu haben.

„Setz dich, setz dich. Du bist hier zu Gast“, sagte Yoni. Idit meinte, eine besondere Betonung auf dem letzten Wort zu hören.

Als Anat Yoni fünf Teller reichte, platzte es aus ihr heraus: „Das sollte eigentlich die Aufgabe der Kinder sein.“

„Wo sind sie überhaupt?“, fragte Yoni.

„Vor dem Computer. Schon seit einer Stunde.“

Yoni sah aus, als wolle er etwas sagen. Nach einem kurzen Moment zucke er mit den Schultern. „Davon ist noch niemand gestorben. Wenigstens ist’s nicht der Fernseher.“

Es ist schlimmer als Fernsehen, dachte Idit insgeheim, als sie kurze Zeit später am Tischende saß und die Kinder beobachtete.

Sie erinnerte sich an das erste Mal, als sie sie gesehen hatte, vor fast drei Jahren. An das Ziehen im Herzen, das besonders schmerzhaft gewesen war, gerade weil sie sich immer etwas darauf eingebildet hatte, nicht neidisch zu sein. Nie. Auf niemanden. Doch als sie Itay über den Teppich hatte robben sehen – ein ruhiges, lächelndes Baby mit weichem, goldbraunem Haar und Augen in einem Farbton, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, einem dunklen, fast violetten Blau, Augen, die regelrecht aus dem Gesicht herausleuchteten – da hatte sie gewusst: Sie wollte auch ein Baby. Genau so eines. Ido war ohne jede Spur von Schüchternheit zu ihr gekommen und hatte ihr von sich erzählt, von seinem Kindergarten und seinen Freunden. Dann war er in sein Zimmer gerannt, mit einem Stapel Bücher zurückgekommen und hatte sie mit kindlicher, noch unsicherer Stimme gefragt: „Kannst du mir vorlesen?“

bottom of page